Kommentar in der Presse von Dr. Martina Salomon

Übersicht

Ein Ministerposten - der unattraktivste Job im Land 

Presse-Leitartikel vom 31. August 2004, mit freundlicher Genehmigung der Autorin 

Kleines Beruferaten: Wer liegt in derBeliebtheitsskala ganz unten, obwohl er auf ein höheres Arbeitspensum kommt als ein Top-Manager bei gleichzeitig deutlich niedrigeren Bezügen?
Erraten: die Spitzenpolitiker. Am Stammtisch werden sie nicht ungern als "Koffer" verunglimpft, die zu viel verdienen, ein zu protziges Auto fahren und ohnehin stets das Falsche tun. Politik ist ein unattraktives Gewerbe geworden. Das sieht man auch daran, dass sich Regierungsparteien immer schwerer tun, geeigneten Minister-Nachwuchs zu finden - nicht nur die Freiheitlichen, wo allein der Personalverschleiß genügend Abschreckungspotenzial für Ministeraspiranten bietet.
Kanzler Wolfgang Schüssel muss die Nachfolge für seine Außenministerin regeln. Eine Frau soll es sein, um die Quote zu halten, kanzlertreu soll sie sein, und eine größere Regierungsumbildung soll sich daraus tunlichst auch nicht ergeben.

Dass Schüssels ehemalige Kabinettschefin und rechte Hand Ursula Plassnik offenbar lieber Botschafterin in Bern bleibt, als ein derartig ehrenvolles Amt anzunehmen, gibt zu denken. Vielleicht zögert sie deshalb, weil sie aus nächster Nähe beobachten konnte, wie Politik funktioniert. Und das scheint abschreckend zu sein. Lebensqualität bietet ein Diplomatenjob jedenfalls ungleich mehr. Abgesehen davon, dass Frauen in der Politik noch kritischer betrachtet werden. Man erinnere sich an merkwürdige Debatten über das Outfit der Präsidentschaftskandidatin oder - in Deutschland - über die Frisur von Angela Merkel. 

Minister bewegen sich in dünner Luft. Wer zu undiplomatischen Aussagen neigt, sollte die Finger davon lassen. Und damit sind nicht nur echte Ausrutscher (Stichwort: "richtige Sau"), sondern auch leichtfertig Dahingeplaudertes gemeint, wie der
Kinder-und-Party-Spruch der Bildungsministerin, der sie - noch dazu in scharfer Verkürzung - seit einem Jahr verfolgt und ihr Image (sowie das der ÖVP) nachhaltig ramponiert hat.
Das "Speed kills" von Andreas Khol wiederum wurde in bewusster Verdrehung seiner ursprünglichen Bedeutung zum Schlagwort gegen Schwarz-Blau. Den jüngsten Selbstfaller lieferte Franz Morak, der in kleinem Kreis zum Thema Personalabbau bei den Festspielen sinngemäß meinte, da müsse man wohl 70 Mitarbeiter vom Untersberg stoßen. Das
geschah übrigens schon am 5. August. Via stiller Post, Betriebsrat und Salzburger Arbeiterkammer gelangte das Ende letzter Woche in die Medien. Die SPÖ zeigte sich darüber übrigens besonders aufgeregt.
Politiker brauchen ein extrem dickes Fell, müssen Menschen mögen, telegen sein, die nächsten Wahlen im Auge behalten und trotzdem auf nachhaltigen Reformen bestehen, die vom politischen Gegner gern verrissen werden. In letzter Zeit ist auch noch ein Bescheidenheitswahn ausgebrochen, der manchmal ans Lächerliche grenzt: So hat Landeshauptfrau Gabriele Burgstaller heuer das Galadiner zur Salzburger Festspieleröffnung in einen Steh-Empfang mit Sekt und Brötchen umgewandelt. Müssen sich Politiker demnächst in Sack und Asche hüllen, um anerkannt zu sein?


In krassem Widerspruch dazu pflegen die Österreicher aber auch ein gewisses Ersatzkaisertum. Davon profitieren Landeshauptleute und der Bundespräsident. Kein Wunder: Sie müssen keine unpopulären Reformen anpacken und werden von Medien weniger hart gebeutelt. Zwar stehen auch sie im grellen Rampenlicht, müssen sich aber dennoch jeweils
ziemlich ungeschickt anstellen (siehe Franz Schausberger), um nicht wiedergewählt zu werden.
Relativ unbeschädigt von der Politiker-Hetze sind die Grünen: weil sie noch immer unetabliert und damit in gewissem Sinn "unpolitisch" wirken. Wenn also Grünen-Chef Alexander Van der Bellen in eine monatelange Sommerpause verschwindet, finden das alle in Ordnung.
"Echten" Politikern würde man das nie verzeihen.

Martina Salomon, geboren 1960 in Linz, Studium der Germanistik und Publizistik an der Universität Salzburg, seit 1986 Dr. Phil.; ab 1984 Redakteurin in der Wiener Redaktion der Tiroler Tageszeitung; von 1989 bis 2004 Innenpolitik-Redakteurin im "Standard" mit den Schwerpunkten Bildung, Wissenschaft, Familie und Gesundheit, seit Februar 2004 Innenpolitik-Chefin der Presse

homepage von NR Martin Preineder

Die Presse: Politik-Kommentare